Meine Feedback-Methode
Bitte neu schreiben! Wie ich Sebastians Text redigiert habe...
Willkommen zu TextHacks! Heute starten wir mit einem Podcast-Hinweis: Ich war in Hamburg im OMR-Büro und habe eine Folge zum Thema Substack aufgenommen. Also falls ihr seit Monaten euren Newsletter-Start prokrastiniert: Hört rein.
Und postet gerne eure eigenen Newsletter in die Kommentare:
Thema heute: meine Redigatur-Methode:
Ich zeige euch einen Original-Text, den ich redigiert habe
Ich zeige euch das Ergebnis, nachdem der Autor meine Anmerkungen eingebaut hat
Ihr könnt selber in einem Google Doc weiterredigieren
Nach einer kurzen Werbeunterbrechung geht’s los…
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Meine 3 Redigaturrunden
Sebastian Wenzel ist Spielejournalist. Für ein Projekt habe ich gegen Spende an Reporter ohne Grenzen seinen Text redigiert. Aber anders als gedacht. Sebastian war davon ausgegangen: Ich schicke ihm einen überarbeiteten Text zurück. Was ich gemacht habe: Anmerkungen und Nachfragen geschickt. Weil das immer mein Redigaturstil war.
Runde: Anmerkungen, Fragen und Strukturvorschläge
Runde: Autor/Autorin überarbeitet selbstständig
Runde: Ich redigiere sprachliche Feinheiten
Ich zeige euch jetzt Ausschnitte meiner Redigatur. Die gesamten Anmerkungen findet ihr auf kulturgutspiel.de.
1. Redigierrunde
„Das Spiel ‘Make Fake News Great Again’ ist eine Gefahr für die Demokratie“
Anmerkung: Warum eine Überschrift in Anführungszeichen, wenn es ein Meinungstext ist?
Desinformationen zerstören Demokratien. Das gilt auch für „Make Fake News Great Again“. Das Gesellschaftsspiel macht sich über ein ernstes Thema unreflektiert lustig. Das ist alles andere als witzig. Ein Kommentar von Sebastian Wenzel.
Für einen Meinungs-Teaser geht es viel zu nachrichtlich rein.
Donald Trump und Pinocchio haben eins gemeinsam: Sie lügen. Die Kinderbuchfigur Pinocchio wie gedruckt, Trump wie getweetet. Pinocchio belügt eine Fee, Trump die ganze Welt. Der Präsident der Vereinigten Staaten verbreitet nicht nur Unwahrheiten, sondern beschimpft auch Journalisten und nennt Tatsachen, die ihm nicht gefallen, Fake News.
Was hat Pinocchio mit dem Rest vom Text zu tun? In dem Text geht es nicht um Pinocchio und streng genommen auch nicht um Donald Trump, sondern um ein Gesellschaftsspiel. Der Einstieg holt hier sehr weit aus und ist zu kompliziert. Man kann diesen Absatz ersatzlos streichen, klassisches Beispiel von einem doppelten Einstieg
Undifferenzierte Medienschelte gibt es auch in Deutschland. Lügenpresse war bereits 2014 das Unwort des Jahres. Damals schrieben Zeitungen nicht über Corona, sondern über Geflüchtete. Die Jury betonte in ihrer Urteilsbegründung, dass mit dem Ausdruck Medien pauschal diffamiert würden. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“, schrieb die Jury.
Hier weiß ich immer noch nicht, worum es in dem Text jetzt gehen soll
Fake News sind ein Teekesselchen
Zwischentitel sollten mich neugierig machen und die wichtigsten Infos zusammenfassen. Ist das wirklich die interessanteste Info in den Abschnitten?
Ähnlich wie das Unwort Lügenpresse bedrohen auch Fake News unsere Demokratie.
Auch ist ein Füllwort und doppelt sich mit ähnlich.
Der Begriff ist ein Teekesselchen, also ein Begriff mit zwei Bedeutungen. Anders als ein Tasse Tee trägt er garantiert nicht zur Entspannung bei.
Nette Spielerei, die vom Thema wegführt. Aktuell sind die Themen: Pinocchio und Donald Trump, Lügenpresse, Fake News ähnlich Lügenpresse, Teekesselchen plus Tasse Tee. Mir fehlt komplett ein roter Faden.
Vereinfacht gesagt sind Fake News einerseits nichts anderes als Falschmeldungen. Ob beabsichtigt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Andererseits sind Fake News ein Schimpfwort. Politiker verwenden es, wenn sie Tatsachen, die ihnen nicht gefallen, diskreditieren wollen.
Ist das wirklich die Bedeutung von Teekesselchen, wenn ein Begriff einfach nur zwei Bedeutungen hat? Hier geht es doch eigentlich um Worte, die gleich klingen, aber einen komplett unterschiedlichen Ursprung haben. Hier kommt das Schimpfwort aber durchaus vom gleichen Ursprung wie die Bedeutung Falschmeldung.
2. Redigierrunde
Das Ergebnis von Sebastian hat mich dann überrascht. Er hat den Text komplett neu aufgezogen und aufgeteilt in einen Bericht und einen Kommentar. Und hat damit aus meinem Feedback seine eigenen Konsequenzen gezogen. Das Ergebnis: 200 Prozent besser als der erste Versuch, ohne dass meine Redigatur selber ein einziges Wort verändert hat. Meine drei Hacks, wenn wirklich Zeit ist:
Autor/Autorin anrufen für ein erstes Feedback. Oft sagt die Person dann: Ich hatte auch folgendes Gefühl, lass uns das gemeinsam auflösen.
Unsicherheiten zulassen: Manchmal habe ich eher eine Intuition als ein sicheres “Das muss anders”. Ich kommuniziere das mit den Autor*innen und wir gleichen unser Gefühl ab.
Erst einmal Autor/Autorin selber überarbeiten lassen, anstatt massiv einzugreifen.
Gleichzeitig klar kommunizieren, wenn Sachen nicht funktionieren. Redigator hat mehr Abstand zum Text als Autor*in.
Hier findet ihr die gesamte zweite Redigaturrunde.
3. Redigierrunde: Ihr seid dran
Macht eure eigenen Redigaturvorschläge in diesem Dokument. Sebastian schreibt danach seine finale Version. Ziel ist ein Praxisbeispiel unter Creative-Commons-Lizenz, das alle kostenlos nutzen können, etwa als Schulungsmaterial fürs Redigieren.
Ihr wollt ausführliches Feedback bekommen, aber niemand hat Zeit? Dann nutzt mein CustomGPT, das im TextHacks-Stil inhaltliches und sprachliches Feedback gibt. Antwortet auf diese Mail, wenn ich euch meinen Claude Skill zum Download schicken soll.
Liebe Grüße, Anne-Kathrin
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Du hast eine erste Idee für ein gemeinwohlorientiertes Medienformat – oder bist schon mitten drin und brauchst Unterstützung beim Wachstum? Der oekom media impact hub begleitet dich genau dort, wo du gerade stehst: Mit Incubator, Accelerator und Capacity Building bietet er drei kostenfreie Programme für unterschiedliche Entwicklungsstufen. Die Teilnahme ist bundesweit und online möglich, Bewerbungsschluss für die erste Runde ist der 15. Juli 2026.
Infos zum Incubator: https://oekom-hub.de/incubator/
Infos zum Accelerator: https://oekom-hub.de/accelerator/
Infos zum Capacity Building: https://oekom-hub.de/capacity-building/




Danke für die Folge, da höre ich gerne rein.
Unter https://almutjehle.substack.com halte ich Ausschau nach dem, was gute Erfahrungen entstehen lässt.
Sei es in Workshops, auf Theaterbühnen, unter Apfelbäumen oder beim Aareschwumm. Alle zwei Wochen teile ich Beobachtungen, Trouvaillen und Anstiftungen für wertvoll verbrachte Zeit.
Der Satz „200 Prozent besser, ohne dass meine Redigatur ein einziges Wort verändert hat" ist der eigentliche Hack. In Trainings erlebe ich dasselbe: Sobald ich den Text oder die Lösung selbst umschreibe, nehme ich dem anderen den Lernschritt weg und bekomme beim nächsten Mal denselben Fehler zurück.
Anmerkungen plus die Frage „was willst du damit erreichen?" zwingen den Autor, die Entscheidung selbst zu treffen. Genau deshalb hält das Ergebnis.